9. Tag: Frombork - Kaliningrad

Noch vor dem Frühstück besuchen wir die Kathedrale. Sie erinnert eher an eine Kirchenburg, wie ich sie in Siebenbürgen kennen gelernt hatte. Das Frühstück nehmen wir dann im Hotel Kopernik ein. Nach etwa 20km Fahrt wird es spannend: Wir kommen an der russischen Grenze an. Eine Grenze, wie man sie in Mitteleuropa schon seit über 15 Jahren nicht mehr kennt. Sie zieht sich auf etwa 2 km hin, es gibt verschiedene Posten, bevor wir zur eigentlichen Grenzabfertigung kommen.
Nach dem Ausfüllen der Migrationspapiere stempelt eine attraktive Blondine unsere Pässe ab. Das notwendige Visum hatten wir rechtzeitig zuhause beantragt. Die Zollbeamten winken uns nur durch. Geschafft! In nicht einmal 20 Minuten sind wir nach Russland eingereist. Auf der qualitativ besten Straße, die wir auf der ganzen Tour haben, fahren wir jetzt mit Rückenwind durch Ostpreußen. Uns überholen dabei teils extrem teure Luxuskarossen, während wir an ärmlichen Bauerngehöften vorbeifahren. Kurz vor der russischen GrenzeNach exakt 800 Tourkilometern erreichen wir um 15:00 Uhr Kaliningrad, das ehemalige Königsberg. Hier ziehen wir zunächst aus dem Bankautomaten im Hotel Kaliningrad ein paar Rubel, dann machen wir uns auf Unterkunftssuche. Wir hatten zuvor im Internet ein paar Privatunterkünfte und Pensionen recherchiert, die wir jetzt ausfindig machen wollen.
Die kyrillischen Straßenbezeichnungen sind gewöhnungsbedürftig. Doch die erste Straße finden wir schnell - nur gibt es hier kein Haus mit der angegebenen Nummer. Unsere zweite Wahl ist der "Ratshof". Als wir ihn etwas ratlos auf der Karte suchen, bietet uns eine Passantin ihre Hilfe an. Nachdem ich den Straßennamen nenne, zückt sie ihr Mobiltelefon, wählt eine Nummer und gibt es mir. Tatsächlich kann man mir in gebrochenem Englisch eine gute Wegbeschreibung liefern. So finden wir die gewünschte Adresse in einer ruhigen Wohngegend, aber auch hier gibt es absolut kleinen Hinweis auf eine Unterkunft. Wir klingeln einige Male und wollen schon weiterfahren, da erscheint ein Mann an der Tür. Er bestätigt uns, dass Eingang nach Kaliningrades sich hier um die besagte Pension handele. Nach einigem Zögern bittet er uns herein und bietet uns ein geräumiges Zimmer mit Bad an, fast schon eine kleine Wohnung. Die Verständigung ist einfach, da er etwas deutsch spricht. Offensichtlich ist man es hier nicht gewohnt, dass Fahrradtouristen direkt vor Ort auftauchen und sich die Unterkunft nicht formal vermitteln lassen. Unser Vermieter ist sehr freundlich, wir dürfen die Räder über Nacht im Flur parken und es gibt sogar Frühstück. Das Ganze kostet uns 20 Euro pro Person.
Nachdem wir uns frisch gemacht haben, geht es wieder zurück in die Stadt. Unterwegs kaufen wir ein Sunsetbier, bezeichnenderweise mit Namen "Königsberg". Diesmal tatsächlich beim Sonnenuntergang, genießen wir es direkt vor dem wiederaufgebauten Königsberger Dom. Wir stellen fest, dass "Cafe" hier die gängige Bezeichnung für ein Restaurant ist und wir finden ein solches am Prospekt Mira. Obwohl die Holsten-Brauerei ganz offensichtlich die Marktführerschaft übernommen hat, probieren wir doch lieber ein russisches Bier mit Namen "Altshtadt". Ein Stück weiter an der gleichen Straße finden auf einem großen Platz Wasserlichtspiele statt, dazu tönt uns der Radetzky-Marsch lautstark entgegen. In einer Seitenstraße finden wir einen kleinen Biergarten, in dem die Biersorte "Tri Medwedja" (Drei Bären) ausgeschenkt wird. Wir probieren sie natürlich rein zu Studienzwecken.

 


10. Tag: Kaliningrad - Ribacij

Wir starten den Tag mit einem ausgezeichneten Frühstück im "Ratshof". Vor der Stadtbesichtigung wollen wir uns in Russland anmelden. Die Visums-Bedingungen verlangen nämlich eine "offizielle" Einladung -die war von einem russischen Reisebüro vermittelt worden- sowie die Anmeldung im Land innerhalb von drei Tagen. Also suchen wir die uns genannte Adresse auf dem Der Dom in KaliningradStadtplan und dann in der Stadt. Nachdem wir zunächst in eine Schule stolpern, finden wir auf dem gleichen Grundstück einen unauffälligen Eingang mit dem Namenszug des Reisebüros, ANJUTA. In dem Büro sind ein paar junge Damen mit einem älteren deutschen Pärchen beschäftigt, das sich ebenso wie wir anmelden will. Es gibt Probleme, weil ihre Reisepässe eingezogen werden sollen, um sie der Polizei vorzulegen. Die beiden wollen aber noch am gleichen Tag an einen anderen Ort im russischen Gebiet fahren.
Während wir warten, wird uns klar, dass uns das gleiche Problem blühen würde. Und richtig, auch unsere Pässe will man haben. Mittlerweile spreche ich am Telefon mit einer deutschsprachigen Mitarbeiterin der Firma, die mir die Formalitäten erklärt.Als ich zu verstehen gebe, dass wir bereits morgen wieder Russland verlassen wollen, entspannt sich ihre Stimme: "Dann ist das eigentlich kein Problem..." Ich erfahre, dass man sich bei einem Aufenthalt von weniger als drei Tagen gar nicht anmelden müsse. Somit will man unsere Pässe nicht sehen und die normalerweise übliche Anmeldegebühr entfällt ebenfalls.
Altes Flugzeug in RusslandNun steht das touristische Programm auf dem Plan. Für unseren Kurzbesuch besteht dies mehr oder weniger nur aus dem wiederaufgebauten Dom. Er wurde im Krieg so stark beschädigt, dass nur noch eine Ruine erhalten blieb. Entgegen fast aller anderen zerstörten Bauwerke der Stadt, wurde der Dom aber nach dem Krieg nicht komplett dem Erdboden gleichgemacht. Dies hat den Geschichtsbüchern zufolge auch mit dem Grab Immanuel Kants an der Nordmauer zu tun, der von Russen wie Deutschen gleichermaßen verehrt wird. Nachdem 1991 erstmals wieder Ausländer in die Stadt durften, beschlossen nur wenig später russische und deutsche Stellen den Wiederaufbau des Doms. Stück für Stück erstrahlt er nun in alter Pracht.Mittags verlassen wir Kaliningrad gen Norden. Auf der Fahrt zur Kurischen Nehrung passieren wir den Flughafen, verfallene Dörfer sowie Militärkasernen. In Zelenogradsk, dem ehemaligen Cranz, machen wir Pause an der kaum besuchten Strandpromenade - welch ein Gegensatz zur polnischen Ostseeküste! Hier beginnt auch der "Nationalpark Kurische Nehrung". Die etwa 100km lange Nehrung ist eigentlich eine Sandbank. Sie ist so einmalig, dass sie seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die Durchfahrt mit dem Auto ist kostenpflichtig, daher herrscht hier auchEingang zum russischen Teil der kurischen Nehrung kaum Verkehr. Wir fahren etwa 35km über die Nehrung bis zum Fischerdorf Ribacij (Rositten). Links und rechts der Nehrungsstraße ist es sehr sumpfig, an einigen Stellen ist die Straße sogar überschwemmt.
In Ribacij suchen wir die ornithologische Station auf. Das Pärchen vom Vormittag bei der Anmeldung hatte uns dies empfohlen. Hier lebe eine Deutsche, die wiederum eine alte Dame im Ort kennt, welche ihr Zimmer vermietet. Wir finden die Station in dem kleinen Ort schnell. Die uns geschilderte Frau ist zwar nicht mehr dort, eine andere hilft uns dafür weiter: Sie führt uns zum Haus eines alten Mütterchens, die uns tatsächlich ihr Zimmer vermietet. Später sehen wir, dass die alte Dame stattdessen selber in eine Art Baracke zieht. Eine Nachbarin hilft, die Stube in dem uralten Haus herzurichten. Zunächst müssen die vielen Kartoffeln beiseite geschafft werden, die in Flur und Küche deponiert sind. Die Zeit überbrücken wir, indem wir im Ort Essen gehen, sowie in einem der kleinen Läden einkaufen, die alle bis 22 oder sogar 23 Uhr geöffnet sind. Zurück in der Unterkunft, wartet unsere Vermieterin schon auf uns. Obwohl sie sehr ärmlich lebt und gehbehindert ist, ist sie bester Laune und erzählt uns jede Menge. Leider verstehen wir nicht viel davon, sie spricht natürlich nur russisch.

 


11. Tag: Ribacij - Smiltyne

Bevor wir uns herzlich von unserer Vermieterin verabschieden, müssen wir ja noch bezahlen: Wir fragen also mit gestischer Unterstützung nach dem Preis. Ich bin froh, dass ich gleich die Zahl, die sie nennt, verstehe. In den meisten slawischen Sprachen Unsere Unterkunft in Ribacij (Rositten)heißt dvazet nämlich zwanzig. Doch dann kommt es: Sie will 20 Mark!
Offenbar hat sich weder die Ablösung der D-Mark bis hierher herumgesprochen, noch die Tatsache, dass man hier inzwischen mit Rubel am besten bedient ist. Den 20-Euro-Schein, den wir der alten Dame geben, schaut sie zwar erst skeptisch an, gibt sich dann aber zufrieden. Das ist also schon mal geschafft, die nächste Hürde stellt das Frühstück dar: Wir fahren in das Restaurant, dass wir am Abend zuvor besucht haben, denn dort gibt es auch einen kleinen Hotelbetrieb. Zur Vereinfachung der Bestellung deuten wir einfach auf das Essen eines Gastes, ein leckeres Frühstück, so etwas wollen wir auch haben. Doch die Bedienung bringt nur die Karte, die allein fettige Pfannkuchen als Frühstück-Ersatz anbietet. Nach erneuter Anfrage macht man uns klar: Normales Frühstück gäbe es nicht für uns, das sei für die Hotelgäste abgezählt. Nach einigem Hin und Her bekommen wir aber doch zumindest etwas Brot.
Auf dem Weg zur Grenze machen wir Halt, um einen Blick auf die menschenleere Ostseeküste zu werfen. An der Straße stehen ein paar Mädchen, die Bernsteinketten und Matroschkas verkaufen. Die Straße wird immer schmaler und zugewachsener. NachDünen auf der kurischen Nehrung 15km erreichen wir die Grenze, welche sich auch hier auf fast drei Kilometer erstreckt. Dennoch haben wir bereits nach einer knappen Viertelstunde Russland verlassen. Den Litauern genügt ein kurzer Blick in unseren Pass und wir befahren wieder EU-Gebiet. Kurz hinter der Grenze machen wir in Nida (Nidden) eine ausgedehnte Pause. Im Hauptort der Kurischen Nehrung trifft man auf viele deutsche Touristen, aber man kann es dennoch nicht als überlaufen bezeichnen.
Bis Juodkrante fahren wir auf dem Fahrradweg über die Nehrung. Dabei steht bei Pervalka wieder einmal eine Dünenexkursion im Nagliai Naturreservat auf dem Programm. Auch diese Dünen gehören zu den größten Europas. Am Ende der Nehrung, direkt an der Memelmündung, liegt Smiltyne. In diesem verträumten Dorf direkt gegenüber Klaipeda finden wir mit dem Hotel Palva eine für unsere Verhältnisse recht noble Bleibe. Die Küche ist zwar bereits um 20:30 Uhr geschlossen, aber im nahegelegenen Restaurant können wir Hunger und Durst stillen.

 


12. Tag: Smiltyne - Sventoji

Bis zur Fähre über die Memel sind es vom Hotel nur wenige hundert Meter. Die Fähre bringt uns direkt in die Altstadt von Klaipeda, der wir nur einen kurzen Blick widmen. Stattdessen machen wir einen Abstecher zum Skulpturenpark, den ich bereitsStrand bei Palanga auf meiner Reise vor vier Jahren besucht hatte. An der Küste entlang, teils sogar auf einem Radweg, fahren wir nun nordwärts nach Palanga. Der dezente Urlauberort besitzt ein Bernsteinmuseum in einem schönen Park. Gleich dahinter folgt wunderschöner Ostseestrand. Parallel zum Strand fahren wir durch Kiefernwälder zu unserem heutigen Zielort, Sventoji.
Der nach dem kleinen, hier mündenden Fluss benannte Ort quillt geradezu über vor Urlaubertrubel. Wir kommen uns wie auf einem großen Jahrmarkt vor. Wie bereits ganz zu Anfang unserer Reise, haben wir auch hier Probleme, trotz großen Angebots eine Unterkunft zu bekommen. Selbst in Hotels will man uns nur für mindestens drei Tage aufnehmen, aber wir wollen ja nur eine Nacht bleiben. Nach beharrlicher Suche finden wir schließlich ein kleines, familiäres Hotel mit direktem Blick auf das bunte Treiben. Hier gibt es auch ein gutes Abendessen und danach sind wir pünktlich zum Sonnenuntergang mit einem Bier an der Ostsee.

 


13. Tag: Sventoji - Liepaja (MS Urd)

Obwohl wir direkt "auf dem Jahrmarkt" übernachtet haben, haben wir recht gut geschlafen. Das Frühstück nehmen wir in der Kellerbar ein. Bis zur lettischen Grenze sind es nur ein paar Kilometer. Hier fotografieren wir direkt am Grenzübergang, das hatten wir uns an der russischen Grenze nicht getraut. Nun geht es 32 Kilometer bis Nica durch die kurische Landschaft nahezuOrthodoxe Kathedrale in Liepaja schnurgeradeaus, ohne dass ein Dorf dazwischen liegt. In Nica finden wir ein wunderschön gelegenes kleines Hotelrestaurant. Im Garten speisen wir hervorragend für insgesamt 11,20 LVL, etwa 16 Euro. Wir verlassen unsere Route, um einen Schlenker durch Bernati zu machen. In diesem Dorf finden wir zwar den in der Karte verzeichneten Leuchtturm nicht, überraschenderweise herrscht hier jedoch ein bedeutendes Angebot an Privatunterkünften. Unser Ziel liegt aber noch 15km weiter nordwärts.
Die lettische Hafenstadt Liepaja ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Zunächst suchen wir hier das Fährterminal auf, wo wir uns am späten Abend einfinden müssen. Wir finden zwar sofort die lange Mole und die russisch-orthodoxe Kathedrale, unser Terminal jedoch erst im zweiten Anlauf. Nach einer Rundfahrt durch die angenehme Stadt suchen wir uns das gemütliche Restaurant "Old Captain" in der Juras Iela für unser letztes Abendessen auf dem Festland aus. Es gibt zwar keine Steaks mehr, aber bei leckerem Essen und ebenso gutem Bier fällt das Warten bis zur Abfahrt der Fähre nicht schwer.
Um Punkt 23:00 Uhr finden wir uns am Fährterminal ein. Das Abholen der Bord- und Kabinenkarten geht reibungslos, dann radeln wir zwischen den LKWs aufs die MS Urd. Wir beziehen eine 2-Bett-Kabine mit eigenem Bad, wesentlich nobler als bei meiner Überfahrt nach Klaipeda vier Jahre zuvor, aber auch ein ganzes Stück teurer. Auf die erfolgreiche Einschiffung stoßen wir an der Bar an, bevor wir uns gegen zwei Uhr zur Ruhe begeben.

 


14. Tag: MS Urd & 15. Tag: Heimfahrt über Rostock

Nach zwei Wochen steht uns heute erstmals ein fahrradfreier Tag bevor. Und der läßt sich sogar dank des sonnigen Wetters gutSunsetbier auf der Ostsee aushalten. Die Zeitumstellung zurück zur mitteleuropäischen Sommerzeit erlaubt uns eine Stunde länger zu schlafen. Der Tag beginnt mit einem reichhaltigen Frühstück. Obwohl wir schon gute Esser sind, staunen wir, welche Mengen die LKW-Fahrer verdrücken können.
Den Vormittag verbringen wir bei strahlendem Sonnenschein weitgehend lesend an Deck, Zum Mittag, wie zu allen Mahlzeiten, wird man per Durchsage in den Speisesaal aufgefordert. Die Verpflegung ist wirklich sehr gut. Gegen sieben Uhr am Abend passieren wir die Insel Bornholm. Der Sonnenuntergang wird wie gewohnt mit einem Sunsetbier zelebriert, auf dem Meer ist das besonders schön.
Um sechs Uhr morgens erreichen wir Warnemünde. Zielstrebig fahren wir die 15 km nach Rostock, um gerade noch den Zug um kurz nach sieben nach Hamburg zu bekommen. Viertel vor zehn endet die Reise schließlich da, wo sie vierzehn Tage zuvor begonnen hat, am Hamburger Hauptbahnhof.

 

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